Aus dem Sachbericht des Übersetzers an den Deutschen Übersetzerfonds

Pierre Bourdieu, Über den Staat. Vorlesungen am Collège de France 1989-1992 Berlin: Suhrkamp 2014 (übersetzt zusammen mit Petra Willim)

Die Älteren werden sich erinnern, daß man Ende der sechziger Jahre als Student der Geisteswissenschaften um ein mehrsemestriges exegetisches Seminar zur marxistischen Staatstheorie nicht herumkam. Je nach der eigenen ideologischen Präferenz (oder Observanz) stand am Ende die Gründung einer weiteren kommunistischen Partei, der Eintritt in die Beamtenlaufbahn oder (so war’s bei mir) der Beginn eines weiteren mehrsemestrigen Seminars zur Hegelschen Rechtsphilosophie. Alle drei Varianten dürften die Bereitschaft zur Beschäftigung mit Staatstheorie nachhaltig geschädigt haben.

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Aus dem Sachbericht des Übersetzers an den Deutschen Übersetzerfonds

Benoît Peeters, Jacques Derrida. Eine Biographie, Berlin: Suhrkamp 2013.

Derrida gehörte der letzten Generation an, die Briefe schrieb und nicht E-Mails. Die unerschöpflichen Ressourcen der von Peeters zusammengetragenen Korrespondenz – denn von seinen eigenen Briefen pflegte Derrida keine Kopien anzufertigen – machen das Eigentümliche dieser Biographie aus. Ihre quälende Offenheit, ihr Freundschaftspathos, ihr demütiges Werben um die Sympathie der Adressaten, manchmal auch ihre ungezügelte Wut stellten den Übersetzer vor größere stilistische Probleme als Peeters’ eigene, wohltuend nüchterne Prosa.

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Aus dem Sachbericht des Übersetzers an den Deutschen Übersetzerfonds

Denis Hollier (Hg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939. Berlin: Suhrkamp 2012.

Es dürfte der Band mit der kompliziertesten Editionsgeschichte sein, den ich je übersetzt habe. Als das Collège de Sociologie im Herbst 1937 sein erstes »Studienjahr« im Hinterzimmer einer katholischen Buchhandlung begann, kam niemand auf Idee, eine Tonbandmaschine auf den Tisch zu stellen. Das wäre nicht nur wegen der hitzigen Diskussionen im Anschluß an die Vorträge von Interesse gewesen. Die Initiatoren Georges Bataille und Roger Caillois sammelten zwar ihre eigenen Manuskripte, doch andere Beiträge gingen verloren. Nicht einmal das gedruckte Veranstaltungsprogramm konnte nachgeborenen Philologen zuverlässig weiterhelfen. Denn nicht alle Vorträge, für die Caillois vorgesehen war, wurden von Caillois gehalten. Da er krankheitshalber an mehreren Sitzungen nicht teilnehmen konnte, schickte er vom Krankenbett aus Zettel mit Stichworten an Bataille, der daraus Texte verfertigte und sie »bauchrednerisch« vortrug.

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Aus dem Sachbericht des Übersetzers an den Deutschen Übersetzerfonds

Jean-Michel Palmier, Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

Dicke Bücher haben mich nie besonders eingeschüchert. Im Gegenteil, umfangreiche Übersetzungsprojekte von 1000 oder 1200 Seiten habe ich als wissenschaftlicher Übersetzer immer als Chance empfunden, über einen längeren Zeitraum in die theoretische Gedankenwelt und den Sprachstil eines Autors einzutauchen. Wer sich alle drei Monate auf eine andere philosophische Schule und deren Terminologie einlassen muß, hat es viel schwerer.

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